G. E. Lessing M. Mendelssohn W. Brandt K. Rauterberg Johannes P. „ ... es bleibet dabei:
Die Gedanken
sind frei!“
Heim"erziehung" - Heimerziehung mit schädigender Wirkung
Zeitungsberichte
„Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind.“ Psalm 146,8
„Herr, wie lange willst Du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ Psalm 13,2
(Aus einer Zettelsammlung religiöser Sprüche einer Wolfenbütteler Kirche.)


Die Braunschweiger Zeitung berichtete in einer Reihe von Artikeln:

Braunschweiger Zeitung, 16. September 2008
„NDR: Zehntausende von Kindern in kirchlichen Heimen misshandelt
Studie zu Gewalt und Unrecht in den 50er und 60er Jahren - Landeskirche Hannover: Zahlen spekulativ
Von Nadine von Wille
HANNOVER. Stockschläge, sexuelle Übergriffe, Zwangsarbeit - eine Studie soll die Missstände in kirchlichen Kinderheimen der Nachkriegszeit aufklären.
Der NDR machte gestern erste Ergebnisse der Untersuchung öffentlich, die das Diakonische Werk Hannover in Auftrag gegeben hatte. Angeregt hatte die Studie für ihr Gebiet die Landeskirche Hannover. "Wir sind daran interessiert, Missstände ans Licht zu holen", so deren Sprecher Johannes Neukirch.
Allerdings zeigten sich Landeskirche und Diakonie gestern nicht erfreut darüber, dass der Autor der Studie - der langjährige Erziehungshilfe-Mitarbeiter Hans Bauer - ohne Absprache Zwischenergebnisse preisgab. "Das Material ist nicht ausgewertet. Genannte Zahlen müssen wir als Spekulationen bezeichnen", so Johannes Neukirch.
Bauer zufolge wurden zahlreiche Kinder von Heimaufsehern geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt. Dem NDR gegenüber sagte er, es handele sich nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern um systematischen Missbrauch. Dieser sei zwar nicht von oben angeordnet worden, aber gängige Praxis gewesen. Die Zahl der Opfer soll in Niedersachsen bei 50 000 liegen.

Die Diakonie selbst reagierte mit einer Pressekonferenz; räumte ein, dass es Misshandlungen in ihren Heimen gegeben habe. Die Opferzahl sei aber schwer zu schätzen. "Es gibt die Situation, dass Übergriffe in einigen Heimen keine seltene Ausnahme bildeten", so Diakonie-Direktor Manfred Schwetje. Von einer systematischen Misshandlung könne aber keine Rede sein. In den 50er und 60er Jahren haben sich in Niedersachsen nach seinen Angaben etwa 1000 Kinder in Einrichtungen der Diakonie befunden. Über Hilfen für die Opfer soll nach Abschluss der Studie im nächsten Jahr entschieden werden.

Die Gewalt-Vorwürfe sind nicht neu: Die Interessengemeinschaft misshandelter und missbrauchter Heimkinder hatte 2004 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Aus vielen Einrichtungen berichteten damalige Heimkinder über Psychoterror und Gewalt.
Peter Wensierskis Buch "Schläge im Namen des Herrn", das 2006 erschienen ist, gab den Anlass für das Projekt "Gewalt und Unrecht in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre" beim Diakonischen Werk Hannover. Hans Bauer soll mit seiner Dokumentation "Licht in die dunkle Geschichte" bringen, wie im aktuellen Jahresbericht der Diakonie nachzulesen ist. Dort berichtet Bauer davon, wie Heimkinder mit Zahnbürsten Fliesen schrubben oder tagelang in fensterlosen Verliesen ausharren mussten.

Michael Strauß, Sprecher der Landeskirche Braunschweig, reagierte bestürzt: "Das sind schlimme Vorwürfe." In unserer Region habe es im betreffenden Zeitraum nach seinen Angaben nur eine Handvoll Heime unter kirchlicher oder diakonischer Verantwortung gegeben. Ihm seien keine ähnlichen Vorwürfe gegen die Landeskirche Braunschweig bekannt. "Wir nehmen die aktuelle Entwicklung aber zum Anlass, nachzuforschen", so Strauß.“

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Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008
“Hilfe für misshandelte Heimkinder
Bundestag hat Opfer angehört - Gespräche über Wiedergutmachung stehen bevor
Von Cornelia Steiner
BRAUNSCHWEIG. Jahrelang wurden Kinder und Jugendliche zwischen 1945 und 1975 in Heimen misshandelt. Erst seit etwa vier Jahren kommt die Aufarbeitung in Gang. Auch die Politik beschäftigt sich mit dem Thema. Der Petitionsausschuss des Bundestages hat Opfer angehört, mit Wissenschaftlern, Verbänden und ehemaligen Heim-Betreibern gesprochen. Ab 2009 soll ein Gremium über Hilfen für die Betroffenen reden.
Wie viele Heimkinder Opfer wurden, ist nicht genau bekannt. Der Braunschweiger Bundestagsabgeordnete Carsten Müller (CDU) sagt: "Etwa 500 000 Kinder und Jugendliche waren damals bundesweit in Heimen untergebracht. Aber es ist nur bei einem Bruchteil der Heime zu Misshandlungen gekommen. Es geht um Einzelfälle - diese können insgesamt aber im vier- oder fünfstelligen Bereich liegen."

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Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008
"Verbrechen im Namen der Kirche"
Erinnerungen eines Pfarrers im Ruhestand
Sechs Wochen lang hat Erich Helmer 1968 als Pfarrer im diakonischen Heim in Freistatt im Kreis Diepholz gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden.
Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von morgens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht.
Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.
Seine Erinnerungen an diese Zeit fasst er so zusammen:
"Mit Überraschung und mit einem Gefühl der Scham nahm ich Ihren Artikel vom 16. September über die Misshandlung von Kindern in kirchlichen Heimen zur Kenntnis.
Überraschung deshalb, weil die dort geschilderten Misshandlungen erst jetzt nach mehr als vierzig Jahren zur Sprache kommen.
Scham, weil die damals verantwortlichen kirchlichen Institutionen einen Mantel des Schweigens über die Ereignisse ausgebreitet haben.
Die geschilderten Ereignisse kann ich nur bestätigen, denn auf Votum meines damaligen Militärbischofs wurde ich 1968 für eine kurzfristige Tätigkeit in eins der genannten Heime entsandt. Die Behandlung der dort untergebrachten Jugendlichen kann man kaum wiedergeben.
Die damals tätigen Diakone sahen in den Jugendlichen nicht mehr den Menschen als Geschöpf Gottes, sondern betrachteten sie als den Abschaum der Menschheit. Ich kritisierte seinerzeit die Heimleitungen und Diakone.
Aufgrund der Vorkommnisse beendete ich eigenmächtig meine dienstliche Beauftragung und trug meine in dem Heim erlebten Erfahrungen sowohl dem Militärbischof als auch meiner damaligen Kirchenleitung vor. Ich wies darauf hin, dass dort im Namen der Kirche Verbrechen an jugendlichen Menschen vorgenommen werden.
Meine Kritik wurde zurückgewiesen mit der Begründung, die dort untergebrachten Jugendlichen müssten äußerst hart angefasst werden, mir fehle sicher eine entsprechende Erfahrung im Umgang mit kriminellen Jugendlichen.
Ich schäme mich, nicht schärfer und lauter protestiert zu haben."

Dieser altgewordene Kirchenmann muß sich fragen lassen, warum er in diesen vierzig Jahren nie einen Weg gesucht hat, das Verschweigen aufzubrechen.

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Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008
“16 Monate Zwangsarbeit und Schläge
Der Braunschweiger Lutz Rose wurde Anfang der 60er Jahre in die Erziehungsanstalt Freistatt gebracht
Von Cornelia Steiner
Nichts als Moor rundherum, Sumpf, Wasser. Fliehen ist zwecklos, sie kriegen einen ja doch, oder man bleibt im Moor stecken. Also durchhalten, die Schläge ertragen, das Gebrüll der angeblichen Erzieher, die steifgefrorenen Finger, die blutigen Füße in den Holzschuhen, die Schufterei von früh bis spät, die Enge im Schlafsaal zwischen 39 anderen Jungs und jungen Männern, die vergitterten Fenster. Einfach nur durchhalten.
"Ich habe nicht geheult, auch nicht, wenn sie mich verprügelt haben. Da sind die aber noch wilder geworden."
Mehr als ein Jahr hat Lutz Rose aus Braunschweig in der kirchlichen Erziehungsanstalt in Freistatt im Kreis Diepholz verbracht. 1961 und 1962 war das. Er beschreibt diese Zeit als die schlimmste Zeit seines Lebens, und er redet seit Jahren darüber, auch wenn viele Leute es nicht hören wollen.

Polizisten brachten ihn in Handschellen ins Heim.
Selbst seine Frau hat lange gesagt: Ach hör doch auf, so schlimm war es bestimmt nicht.
Inzwischen glaubt sie ihm. Sie hat andere Opfer kennen gelernt, und auf Einladung der Diakonie Freistatt hat sie die einstige Erziehungsanstalt mit ihrem Mann vor zwei Jahren besucht.
Die Diakonie geht offen mit dem Thema um. "Das Geschehene ist nicht zu entschuldigen", heißt es dort. Demnächst erscheint eine wissenschaftliche Arbeit, die sich der Aufarbeitung widmet.
Bei dem Besuch in Freistatt hat Lutz Rose eine gut sortierte Akte erhalten. Darin liegen Dutzende von Beurteilungen. So schrieb das Amtsgericht Braunschweig im Januar 1961 über den damals 18-Jährigen:
"Sein Verhalten lässt eine beginnende Verwahrlosung erkennen, deren Behebung der Vater nicht mehr gewachsen ist. Auch die Anordnung einer Schutzaufsicht würde nicht ausreichen, um diesen völlig verbummelten und stark gefährdeten Jugendlichen wieder auf die rechte Lebensbahn zu bringen."

Was war geschehen? Lutz Rose hatte neun Geschwister, die Mutter war bereits 1953 gestorben, der Vater mit der Erziehung überfordert. Nach der Schule begann Lutz Rose eine Ausbildung zum Steinsetzer - und damit begann der Ärger. "Der Bauführer hat mich geschlagen, und mein Vater hat die Lehrlingsbeihilfe kassiert", erzählt er. Es kam zum Streit, und einer von Lutz Roses Brüdern überredete den Vater, den Jungen in eine Erziehungsanstalt zu geben. Jugendamt und Amtsgericht waren einverstanden.
Polizisten brachten ihn in Handschellen nach Freistatt. "Als ich dort aus dem Auto gestiegen bin, hat der Hausvater mir eine geknallt und gesagt: „Damit du weißt, wie es hier zugeht.“ Danach musste ich sofort im Moor malochen."
Im Moor spielte sich der Alltag der Jugendlichen ab. Sie bauten Torf ab, gruben Kanäle und machten das Land urbar, rodeten Kartoffeln, ernteten Getreide. In den Häusern der Anstalt mussten sie kochen, nähen, bügeln, putzen, und jeden Sonntag saßen sie im Gottesdienst. So sollten die Jugendlichen auf den rechten Weg kommen. Denn wer in Freistatt landete, galt als kriminell oder schwer erziehbar. Tatsächlich kamen viele aber wegen Banalitäten dorthin, weil sie ein wenig über die Strenge geschlagen hatten, weil Eltern überfordert waren, weil Gerichte einer Heim-Einweisung schnell zustimmten.

Lutz Rose erinnert sich an einen Jungen mit Kinderlähmung. "Was machte der dort?", fragt er. "Den hätte man niemals nach Freistatt schicken dürfen." Vier Tage lang wurde er in eine Zelle gesperrt.
Ein Vorfall hat sich besonders in sein Gedächtnis gebrannt: Ein Jugendlicher wollte entlassen werden und rammte sich deswegen einen Spaten in den Fuß. Er kam ins Krankenhaus, doch wenige Tage später war er schon wieder in Freistatt und sollte arbeiten, trotz heftiger Schmerzen. "Der Hausvater hat gesagt: „Der simuliert doch nur.“ Dann kam er in die Strafzelle, und kurz danach ist er an Tetanus gestorben."

Rose vermutet, dass noch mehr Jugendliche umgekommen sind. "Manche sind abgerutscht und ins Moor gefallen, andere haben sich schwer verletzt. Wir wurden dann immer weggedrängt. Einen Krankenwagen habe ich dort draußen nie gesehen."
Für ihn war die vermeintliche Erziehungszeit nach 16 Monaten vorbei. Im Bericht des Heimes hieß es damals: "Wir können mitteilen, dass der Jugendliche eine gute Aufwärtsentwicklung genommen hat."
Der Jugendliche von damals ist inzwischen 65 Jahre alt, hat zwei Kinder und drei Enkel. Er ist Mitglied im Verein ehemaliger Heimkinder und erzählt seine Geschichte. Warum? "Weil wir erst misshandelt und dann vergessen wurden."

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Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008
"Wir müssen die Opfer endlich ernst nehmen"
Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Carsten Müller - Petitionsausschuss befasst sich mit den Vorfällen
Seit mehr als zwei Jahren befasst sich der Petitionsausschuss des Bundestages mit der Misshandlung und Zwangsarbeit von Heimkindern zwischen 1945 und 1975. Dabei geht es um bundesweite Vorfälle in Heimen kirchlicher, staatlicher oder anderer Trägerschaft. Der Braunschweiger Bundestagsabgeordnete Carsten Müller (CDU) ist Mitglied des Petitionsausschusses. Mit ihm sprach Cornelia Steiner.

Warum ist denn der Petitionsausschuss für das Thema zuständig?
Der Verein ehemaliger Heimkinder hatte 2006 eine Petition eingereicht. Die Mitglieder forderten unter anderem, die Erziehungspraxis in einigen Heimen aufzuarbeiten und Betroffene als Opfer von Menschenrechtsverletzungen anzuerkennen.

Was macht der Ausschuss, um die Aufarbeitung voranzubringen?
Es gibt in dieser Legislaturperiode kein anderes Thema, das der Petitionsausschuss so intensiv bearbeitet hat. Wir haben mit Betroffenen gesprochen und mit Trägern von Heimen, zum Beispiel mit der Bischofskonferenz der katholischen Kirche und Vertretern der evangelischen Kirche. Wir haben uns mit Forschungsvorhaben zu dem Thema befasst. Es gab Anhörungen von Verbänden.

Wie geht es weiter?
Wir werden Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres zu einer vorerst abschließenden Bewertung kommen. Das Thema wird in einen Runden Tisch münden, der das individuelle Leid, die Versäumnisse und Verantwortlichkeiten bearbeitet.

Ist auch eine finanzielle Entschädigung denkbar?
Wir haben im Ausschuss darüber gesprochen. Was im Einzelfall notwendig und angebracht ist, wird der Runde Tisch klären.

Wie konnte es damals zu den Misshandlungen kommen?
Es gab keine Heimaufsicht, wie wir sie heute kennen. Es gab nicht überall qualifiziertes Personal. Teilweise waren die Mitarbeiter überhaupt nicht pädagogisch geschult. Das war vor allem den Lebensumständen nach dem Krieg geschuldet. Außerdem galten andere, aus heutiger Sicht falsche Vorstellungen von Erziehung.

Was bringt die späte Aufarbeitung den Betroffenen?
Wir müssen den Betroffenen endlich Gehör schenken und sie ernst nehmen. Es geht um ihre gesellschaftliche Rehabilitierung. Das Thema darf nach Jahren des Verschweigens und der Ignoranz nicht länger ein Tabu sein. Es geht aber nicht darum, mit dem Finger auf bestimmte Einrichtungen zu zeigen.“

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Hamburger Abendblatt, 23.9.08
“Bischöfin räumt Misshandlung in Heimen ein
Hannover
Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann hat die Misshandlung von Kindern in kirchlichen Heimen eingeräumt und zur Ermittlung der Täter aufgerufen. Es habe "auch Menschenrechtsverletzungen, sexuelle Übergriffe durch Einzelne in unseren Institutionen gegeben", so Käßmann gestern. "Die Opfer müssen gehört und die Täter ermittelt werden." Die Bischöfin bezog sich auf eine Studie der Diakonie zu Missständen in Heimen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Käßmann begrüßte die Vorlage des Petitionsausschusses des Bundestags. Eine bundesweite Konferenz soll über Hilfen für Geschädigte beraten. "Auch in kirchlichen Heimen wurde mit Gewalt erzogen", erklärte Käßmann.“

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Der Berichterstattung folgten drei Leserbriefe in der BZ vom 24.9.08:

“Die Schläge im Namen des Herrn hatten System
Zu: "Zehntausende von Kindern in kirchlichen Heimen misshandelt", Ausgabe vom 16. September:
Sind es wirklich nur Einzelfälle, wie der Bundestagsabgeordnete Carsten Müller meint? Waren es nicht doch "Schläge im Namen des Herrn" als System?
Verlief denn die Erziehung im Bund-Deutscher-Mädchen und in der Hitler-Jugend anders als die in der Kirche? Auch in den Elternhäusern wurde 1950, 1960, 1970 geprügelt.
Überlassen wir es in Zukunft den Töchtern und Söhnen nach der Volljährigkeit, ob sie einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft angehören wollen.
Sinnvoll wäre ein religionsübergreifender Ethikunterricht in den Schulen. Gefordert sind hier vor allem die Elternhäuser und die Kirchen. Ich bin aufgrund dieser Widersprüche nach 34 Jahren aus der Kirche ausgetreten.“
Reinhard Hübener, Braunschweig

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„Geist des Nationalsozialismus
Die Verbrechen an Heimkindern in Deutschland sind doch nichts anderes, als ein Beweis dafür, wie nazifiziert diese Gesellschaft in ihrer Grundgesinnung zu jener Zeit noch war.“
Hartmut Drobeck, Wolfenbüttel

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„Auch der Staat ließ prügeln
Seit Tagen gibt es nun endlich auch in Ihrer Zeitung Berichte über Geschehnisse zwischen 1945 und 1975 zu berichten.
Der Schwerpunkt der Vorwürfe richtet sich - nach meiner Meinung ungerecht - weitgehend gegen kirchliche Trägerschaften von Heimen. Als persönlich Betroffener in verschiedenen staatlichen Heimen zwischen 1935 und 1950 kann ich Ihnen bestätigen, dass ich fast alles erlebt habe, was heute beklagt wird.
Das Verhalten der damaligen Erziehungskräfte entsprach dem, was der größere Teil der Bevölkerung von Heimkindern dachte.
Mein eigenes Schicksal als Heimkind vom ersten Lebensmonat an war mitbestimmend dafür, dass ich Heimerzieher und Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche wurde.
Ganz wichtig scheint mir, darauf hinzuweisen, dass die eigentliche Not erst begann, wenn man als Jugendlicher aus dem Heim entlassen wurde.
Ich hoffe auf ein bisschen mehr Verständnis und weniger scheinheilige Empörung.“
Horst Pacholke, Wolfenbüttel

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Jetzt reagierte auch die Landeskirche Braunschweig:

Braunschweiger Zeitung, 26. September 2008
„Landeskirche prüft: Wo gab es Misshandlungen?
Ehemalige Heimkinder können sich melden
Von Cornelia Steiner
Schläge, Essensentzug und unbezahlte Arbeit prägten in der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre hinein den Alltag in mehreren deutschen Erziehungsheimen. Seit vergangener Woche ist bekannt, dass die Landeskirche Hannover derartige Vorfälle in ihren Heimen wissenschaftlich aufarbeitet. Nun zieht die Braunschweigische Landeskirche nach.
"Diese Zustände waren ein Muster der Zeit; Gewalt war ein gängiges Mittel. Aber der historische Blick entlastet keineswegs", sagte Landesbischof Friedrich Weber gestern bei einer Pressekonferenz.
"Im braunschweigischen Bereich ist nach unserem Wissen nichts Derartiges dokumentiert. Das schließt aber nicht aus, dass es Überschreitungen gegeben hat. Wir wollen das aufarbeiten und Opfern gegenüber eine Haltung einnehmen, die glaubwürdig ist", so Weber.
Auch Lothar Stempin, Direktor der Diakonie Braunschweig, sagte: "Wir kennen bisher keine Betroffenen, die sich über Einrichtungen im Braunschweiger Land geäußert haben." Er nannte zwei Heime, die für eine Aufarbeitung seitens der Landeskirche in Frage kämen: das Elisabethstift in Salzgitter und die Stiftung Knabenhof bei St. Leonhard in Braunschweig.
Ralph Hartung, Leiter der Elisabethstift-Jugendhilfe, hat bereits recherchiert und mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen. "Es gab damals etwa 30 Plätze. Das Heim wurde von einem Ehepaar geführt, und es ging offensichtlich sehr familiär zu", sagt er.
Der Knabenhof befand sich auf dem Gelände des heutigen Christlichen Jugenddorfwerkes. Etwa 150 bis 200 Jugendliche waren dort untergebracht. "Im Knabenhof war es wohl so, dass man so genannte Verwahrlosungstendenzen mit Arbeit und Disziplin angehen wollte", sagte Stempin.
Diesen Eindruck bestätigen Artikel, die unsere Zeitung Anfang und Mitte der 70er Jahre veröffentlicht hat. Darin berichteten Jugendliche und Mitarbeiter über Schläge. Außerdem beklagten sie, das Personal sei kaum qualifiziert und daher überfordert.
Ein Mitarbeiter der Diakonie beginnt nächste Woche, in Archiven nach Hinweisen auf eventuelle Missstände im Knabenhof zu suchen. Hilfreich könnten alte Strafbücher sein. "Diese Bücher gab es in allen Einrichtungen. Darin musste dokumentiert werden, wer beispielsweise mit Ohrfeigen oder Stockschlägen gezüchtigt wurde, und aus welchem Grund das geschah", erklärt Stempin. Die Aktenlage sei aber dürftig.“

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Knapp vier Wochen nach dem Aufruf lagen Ergebnisse vor:

Braunschweiger Zeitung, 22. Oktober 2008
„20 ehemalige Heimkinder sprechen über ihre Erlebnisse
Diakonie: Keines von ihnen wurde in kirchlichen Heimen misshandelt
Von Cornelia Steiner
BRAUNSCHWEIG. In diakonisch-kirchlichen Heimen im Braunschweiger Land wurden zwischen 1945 und 1975 wahrscheinlich keine Kinder und Jugendlichen misshandelt. Zu diesem Ergebnis kommt Lothar Stempin, Direktor der Diakonie Braunschweig.
Auslöser seiner Untersuchung war eine Studie der Landeskirche Hannover, die im September bekannt geworden war. Darin werden frühere Fälle von Misshandlung und Zwangsarbeit in evangelischen Kinderheimen erfasst. Betroffene berichteten von Stockschlägen, Zwangsarbeit und Vergewaltigung.
Die Landeskirche Braunschweig hatte daraufhin für ihr Gebiet eine Untersuchung angeregt und Betroffene aufgefordert, sich zu melden. Etwa 20 ehemalige Heimkinder haben das getan und mit Lothar Stempin gesprochen. Die Ergebnisse:
Die Betroffenen haben laut Stempin über ihre Erfahrungen im Zeitraum von 1938 bis 1982 berichtet.
Es sei nicht nur um Heime in kirchlicher Trägerschaft wie den Knabenhof in Braunschweig und das Elisabethstift in Salzgitter gegangen, sondern zum Beispiel auch um das Große Waisenhaus und den Remenhof in Braunschweig.
"Einige haben gesagt: Etwas Besseres als die Heimerziehung konnte mir nicht passieren", so Stempin. "Sie kamen aus schwierigen Verhältnissen und haben die Erzieher als liebevolle Menschen kennengelernt, die ihr Leben in die rechte Bahn gelenkt haben."
Andere hätten die Zeit im Heim als heftig bezeichnet, sie aber relativ problemlos weggesteckt.
"Drei oder vier Menschen haben gesagt: Diese Zeit hat mir das Rückgrat gebrochen."
Laut Stempin waren in vielen Heimen Züchtigungen wie Schläge mit der Hand oder Strafdienste verbreitet.
In drei Fällen hätten Betroffene von Misshandlungen gesprochen. "Sie wurden getreten und mit dem Schlüsselbund oder dem Rohrstock geschlagen. Diese Menschen waren aber nicht in kirchlichen Heimen", sagt Lothar Stempin.
Zusätzlich zu den persönlichen Gesprächen hat ein Mitarbeiter der Diakonie in Archiven nach Hinweisen auf die Erziehungspraxis gesucht und mit Menschen gesprochen, die damals in der Kinder- und Jugendarbeit tätig waren.
"Am Beispiel des Knabenhofes ist deutlich geworden, dass es in allen Heimen an Fachpersonal gemangelt hat", so Stempin.
Vor allem Studenten und Jungsozialisten haben genau dies Anfang der 70er Jahre am Knabenhof kritisiert. Sie berichteten von Schlägen und überfordertem Personal. Daraufhin begann die öffentliche Diskussion über Erziehung - sie führte zur Schließung des Heimes.“

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Der Aufruf der Landeskirche Braunschweig an ehemalige jugendliche Heimbewohner – und möglicherweise auch die Untersuchungen der Landeskirche Hannover – sind aus mehreren Gründen ungenügend:
- Wieviel Betroffene haben von dem Aufruf überhaupt erfahren?
- Ist es angemessen, zwischen kirchlichen und nichtkirchlichen Heimen zu trennen?
- Wie waren die Zustände in Altenheimen?
- Hat es menschenunwürdige Behandlungsformen in Heimen für Menschen mit Behinderung gegeben? Warum wurden Heime für behinderte Menschen nicht berücksichtigt.

Die als Beschönigung zu verstehenden Äußerungen Stempins zu den „Untersuchungen“ beantwortete Gerhard Wendt aus Braunschweig mit einem Leserbrief, BZ, 24.10.08:

„Wir Heimkinder wurden misshandelt
Zu "20 ehemalige Heimkinder sprechen über ihre Erlebnisse", Ausgabe vom 22. Oktober:
Als betroffenes ehemaliges Heimkind bin ich äußerst empört, über die widersprüchliche Studie des Diakonie-Direktors Lothar Stempin.
Man liest heraus, dass dieses Thema verharmlost werden soll. Lothar Stempin hat bei seiner Studie offenbar die falschen Leute befragt.
Ich war damals zwar nicht in einer kirchlichen Einrichtung, denn ich war im Großen Waisenhaus in Braunschweig, aber ich weiß wovon ich rede.
Wieviele Menschen haben gesagt, dass diese Zeit ihnen das Rückgrat gebrochen hat?
Drei oder vier Zeugen, was ist denn das für eine Studie - mit so vagen Aussagen? Diakonische Heime waren nicht besser als andere.
Es macht mich wütend, wenn jemand uns misshandelte Heimkinder dastehen lässt, als wären wir Jammerlappen, die mal einen Klaps auf den Po bekommen haben.“

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Braunschweiger Zeitung, 28. November 2008
„Wir sind eine kleine Wahrheits-Kommission“
Antje Vollmer moderiert Runden Tisch zur Aufarbeitung des Unrechts an Heimkindern zwischen 1949 und 1975
Von Cornelia Steiner
BERLIN. Tausende von Kindern und Jugendlichen wurden zwischen 1949 und 1975 in Heimen gedemütigt, misshandelt und zu Zwangsarbeit verpflichtet. Viele der Opfer leiden noch heute unter dem Erlebten. Einige von ihnen hatten sich mit Petitionen an den Bundestag gewendet und eine Entschuldigung und Entschädigungen verlangt.
Nach vielen Gesprächen soll nun ein Runder Tisch eingerichtet werden. Den Vorsitz übernimmt die frühere Vizepräsidentin des Bundestages Antje Vollmer (Grüne). Der Bundestag muss der Empfehlung noch zustimmen.
Was ist vom Runden Tisch zu erwarten? Antje Vollmer will zügig vorankommen. "Wir werden das spezifische Unrecht im Rahmen der damaligen Heimerziehung aufarbeiten. Aus meiner Sicht sollten wir in zwei Jahren Ergebnisse liefern", sagt sie.
Wie diese Ergebnisse aussehen könnten, ist völlig offen. Der Verein ehemaliger Heimkinder fordert, es müsse Einmalzahlungen für das erlittene Unrecht und Gewalt geben sowie laufende Zahlungen an die Opfer, von denen viele von kleinen Renten und Sozialleistungen leben müssten. Das Geld solle aus einem Entschädigungsfonds gezahlt werden, in den alle Verantwortlichen einzahlen müssten.
Antje Vollmer erklärt: "Noch sind die rechtlichen Möglichkeiten eng begrenzt. Die Betroffenen fallen nicht automatisch unter den Opferschutz. Es gibt auch keine gesetzliche Grundlage dafür, damals nicht gezahlte Rentenbeiträge im Nachhinein zu zahlen."
Um Lösungen zu finden, sollen am Runden Tisch möglichst viele Beteiligte zusammenkommen: frühere Heimkinder, Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen, der Kirchen und der Wohlfahrtsverbände, der Wirtschaft und Wissenschaftler.
Wir brauchen die Bereitschaft aller Beteiligten, etwas Befriedendes zu tun, das über Worte hinausgeht. Wir können niemanden verdonnern, etwas zu tun. Insofern sind wir eine kleine Wahrheits-Kommission", sagte Antje Vollmer.“

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Braunschweiger Zeitung, 6. Dezember 2008
GEDANKEN ZUR ZEIT
“Als Kindern die Seele zerstört wurde
Paul-Josef Raue,
Chefredakteur unserer Zeitung, über Heimkinder in den sechziger und siebziger Jahren
Die Wochen vor Weihnachten waren die schlimmsten. Die Kinder, einige tief in der Pubertät, sahen die Tannenbäume mit Lametta und elektrischen Kerzen, die Lichterketten über den Straßen, die Schaufenster mit Spielsachen und bunten Paketen.
Auf dem Weg von der Schule zurück ins Heim fiel die Sehnsucht wie leiser Schnee auf die verwundeten Seelen, begleitet von des Pfarrers Worten im Religionsunterricht, Weihnachten sei ein Fest des Friedens und der Fröhlichkeit. Wieder angekommen im Heim ersetzte der saure Geruch der Reinigungsmittel den Duft der gebrannten Mandeln, und die Sehnsucht stieg hoch in die Kehlen, bei einigen entlud sie sich in minutenlangem Schreien, wieder andere tobten und nahmen einen Stuhl oder Tisch auseinander.
Mit den blonden Engeln aus Adventskalendern hatten die blau gekleideten Nonnen, die das Heim beherrschten, nichts gemein. Sie waren die Racheengel der Erbsünde, die sich des Auftrags sicher waren, im Namen Gottes den Kindern die Verderbnis austreiben zu müssen.
"Schwer erziehbar" - mit diesem Stempel holten die Behörden Kinder von zu Hause ab und steckten sie ins Heim. Was dann hinter den Mauern geschah, interessierte keinen mehr in diesen Jahren um 1968 herum.

Es war die Zeit, in der sich junge Leute die Haare wachsen ließen und neben Karl Marx und der "Peking Rundschau" auch Heinrich Böll lasen. Böll im Gepäck und Tonnen von Ideen im Kopf für eine gerechte Welt - damit konnten sie ihr Gewissen prüfen lassen. Das war nicht leicht.
Der Staat prüfte das Gewissen, wenn ein junger Mann den Dienst in der Bundeswehr verweigern wollte. Die meisten quälten sich durch die Instanzen und mussten Fragen beantworten wie: "Stellen Sie sich vor: Sie gehen durch einen dunklen Park und Ihre Freundin wird überfallen. Schlagen Sie den Angreifer nieder, um Ihre Freundin zu schützen?"
Mit Heinrich Böll im Gewissen hatte ich die Prüfung schnell bestanden, war staatlich anerkannter Verweigerer, kam für zwei Jahre in ein Kinderheim und erlebte schon in der ersten Woche, wie die Nonnen mit einem Jungen in die Waschräume gingen - und es still wurde im Haus.
Als der Junge allein nach einer Viertelstunde auf den Flur trat, ging er, stumm, mit gesenktem Kopf in seinen Schlafraum, zog die Decke über seinen Kopf, floh vor der Welt.
In den Wolldecken, in den Mauern des Hauses, in den Kacheln der Waschräume verfingen sich die Schreie der Kinder, der Hass, die Wut und der Schweiß der Hoffnungslosigkeit. In der Luft hing Gewalt, unentwegt Gewalt. Selbst wenn die Nonnen einen Scherz machten und Kinder lachten, dachten sie daran, was nach dem Lachen kommt und auf welchen Schmerz sie sich vorbereiten mussten.
Aus der Spirale der Gewalt, die sich unentwegt drehte, gab es kein Entrinnen. Als ich in das Heim kam, die Wut der Kinder, auch untereinander, und die Hiebe der Gottesfrauen erlebte, bot ich den Kindern meine Hilfe an. Keiner wollte Hilfe.
Als die Nonnen von meinem Pakt mit den Kindern erfuhren, bekam ich die schlimmsten Schichten - etwa am Sonntagabend, wenn die Jungen vom Eltern-Besuch zurückkamen, immer einer durchdrehte und alles kurz und klein schlug.

Wer behält da die Nerven? Nach einigen Wochen, als einer stundenlang tobte, warf ich ihm meinen Schlüsselbund an den Kopf, er blutete, alle sahen zu. Und die Meisterinnen der heimlichen Gewalt freuten sich und hießen mich willkommen in ihrem gnadenlosen Verein zur Verbesserung dieser Welt.
Für die Missstände interessierte sich keiner, weder der Pfarrer, der zum Beten ins Haus kam, noch die Funktionäre in den Organisationen, die das Heim zu beaufsichtigen hatten, kein Bischof, kein Politiker.
Nach zwei Jahren durfte ich die Hölle verlassen, mit Magengeschwüren und der Scham, selbst den Teufelskreis der Gewalt mitgedreht zu haben. Und die Kinder?
Der Bundestag richtet gerade einen Runden Tisch ein, eine "kleine Wahrheits-Kommission", wie ihn die Vorsitzende Antje Vollmer nennt. Er wird über die Heimkinder sprechen, die zwischen Kriegsende und 1970 "entwürdigenden Bestrafungen, willkürlichem Einsperren und vollständiger Entmündigung" ausgesetzt waren. "Die Verletzungen von Körper und Seele wirken bis heute", sagt die SPD-Abgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller.
Im Braunschweiger Land sei, so eine Studie, in kirchlichen Heimen kein Kind misshandelt worden. In der Studie steht weiter, dass Züchtigungen verbreitet waren und drei oder vier Menschen sagten, ihnen sei das Rückgrat gebrochen worden.“

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Braunschweiger Zeitung, 20. Dezember 2008
“Misshandelten Heimkindern soll geholfen werden
HANNOVER. Ehemalige Heimkinder, die bis in die 70er Jahre hinein misshandelt worden sind, sollen konkrete therapeutische Hilfe bekommen. "Wir prüfen, wie wir für diejenigen, die dies wollen, psychologische Unterstützung anbieten können", sagte die niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU). Sie sprach sich gegen pauschale Entschädigungszahlungen aus.
Zuletzt hatten deutschlandweit Betroffene berichtet, zwischen 1950 und den 70er Jahren in kirchlichen und staatlichen Heimen sexuell und körperlich misshandelt worden zu sein. Experten gehen bundesweit von bis zu einer halben Million misshandelter ehemaliger Heimkinder aus. "Ich war sehr erschüttert darüber", sagte die Ministerin.“

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Braunschweiger Zeitung, 20. Dezember 2008
“Die Heimleiterin versuchte, die Mutter zu ersetzen
Zu der Berichterstattung über die Misshandlungen in kirchlichen Kinderheimen schreibt eine Leserin:
Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, dass es auch gut geführte Heime gab. Da unsere Eltern tot waren, lebten meine Brüder und ich von 1956 bis 1963 in verschiedenen Heimen in Hildesheim.
Ich wohnte in einem katholisch geführten Haus mit etwa 70 Mädchen zusammen. Wir wohnten in Zweier- oder Dreierzimmern zusammen. Die waren klein, durften aber persönlich eingerichtet werden. Für alle gemeinsam gab es ein gemütliches Wohnzimmer.
Die Heimleiterin sowie auch ihre Assistentin waren von früh morgens bis in die Nacht hinein für uns da. Sie leisteten einen mehr als 14 Stunden Tag. Wir wurden streng, aber gerecht erzogen.
Wir wurden angehalten, je nach Konfession, in unsere Kirche zu gehen. Es wurde mit uns gesungen und musiziert, für fast jedes Interessengebiet lagen Bücher bereit.
Alle Feiertage verbrachte unsere Heimleiterin mit uns gemeinsam. Für die Älteren veranstaltete sie gelegentlich Hausbälle. Dazu wurde ein Semester der Ingenieurschule eingeladen. Unsere Heimleiterin hat versucht, Mutterersatz zu sein.
Meine Brüder hatten es nicht so gut wie ich. Einer lebte in einem städtischen Heim, der jüngere war dreizehn Jahre alt und wohnte in einem Heim der evangelischen Kirche. Zwar wurden auch sie in keiner Weise misshandelt oder zur Arbeit gezwungen, aber sie bekamen vom Heimleiter keinerlei persönliche Zuwendung. Doch auch hier wurden die Grundbedürfnisse befriedigt“.
Margit Müller-Davidi, Wendeburg

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Braunschweiger Zeitung, 16. Januar 2009
“Bischöfin: Ich schäme mich für die Misshandlungen
HANNOVER. Die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, hat sich für die Misshandlung von Kindern und Jugendlichen in Heimen der Evangelischen Kirche entschuldigt. Im NDR Fernsehen sagte sie: "Ich kann öffentlich sagen, dass ich mich entschuldige, aber ich würde mehr noch sagen, ich schäme mich dafür, dass in unseren Heimen so etwas vor sich gegangen ist."
Sie unterstütze den vom Bundestag beschlossenen Runden Tisch, auch Entschädigungszahlungen lehne sie in Einzelfällen nicht ab.
Hunderttausende von Kindern und Jugendliche wurden bis in die 50er Jahre in Heimen misshandelt.

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