G. E. Lessing M. Mendelssohn W. Brandt K. Rauterberg Johannes P. „ ... es bleibet dabei:
Die Gedanken
sind frei!“
Atommülldeponie - Asse II: Vorhergesagte Gefahren werden Realität!
Heimatkunde
Asse II in der Heimatliteratur

Seit 1954 gibt der Landkreis Wolfenbüttel ein „Heimatbuch“ heraus, das zunächst als „Heimatkalender“ erschien. Die ersten Ausgaben bis Mitte der siebziger Jahre sind inhaltlich von den damaligen Redakteuren Heinz Ohlendorf und Gustav Füllner geprägt, die man zu Nazi-Mitmachern rechnen muß. Sie durften einfach weitermachen ..

Zu Asse II sind mehrere Beiträge veröffentlicht worden:
1956: „Das Assewerk“, unbekannter Autor.
1975: „Die Asse macht radioaktive Rückstände unschädlich“ von Hermann Wrede.
1976: „Die Endlagerung radioktiver Abfallstoffe im Salzbergwerk Asse II“ von Egon Albrecht und Klaus Kühn.
1978: „Aus der Arbeit des Kreistages“ von Rudolf Quitte, SPD-Kreistagsabgeordneter.
2009: „Vorwort des Landrates“ Jörg Röhmann und „Jahresrückblick“.(Auszüge)


Das Asse-Werk

„Wer zum ersten Male die alte Heerstraße von Braunschweig nach Leipzig befährt, ist über eine jäh aus der Ebene aufsteigende Erhebung bald hinter Wolfenbüttel erstaunt. Es ist etwas Eigenartiges um diesen Assewald mit seinem schönen Laubbaumbestand und seltenen Blumen. Der Naturfreund findet wahre Schätze an herrlichen Motiven, und dem Forscher bieten sich viele Zeugen prähistorischer und spätgeschichtlicher Zeit. An vielen Stellen des
Kalksteines als Deckgebirge des geologisch wertvollen Gesteins in größerer Teufe wurden Versteinerungen verschiedenster Art gefunden. Andererseits geben die Ruinen der 1492 zerstörten Asseburg wertvolle Aufschlüsse. Mauerreste in Stärke von 1 bis 2 Meter stehen hier als Reste der stolzen Burg. Auch Rundmauern sind noch erhalten, das Burgverlies, in dem noch vor einigen jahrzehnten Fußfesseln und sonstige Erinnerungen an raue Zeiten gefunden wurden. Als neueres Bauwerk ragt der Bismarckturm weit in die Lande. Hier begeht die Studentenschaft der Technischen Hochschule Braunschweig alljährlich ihre Sonnenwendfeier.

Nur einen Augenblick gewahrt der aufmerksame fremde Reisende bei der Durchfahrt in Wittmar, im Hintergründe versteckt, hohe Schornsteine. Es ist das Salzbergwerk Asse, das hier, idyllisch im Assewald eingebettet, liegt. Ein Werk von früher höchster Bedeutung als Kali-Schacht, das aber jetzt seinen ganzen Betrieb auf die Gewinnung von hochwertigem Steinsalz umgestellt hat und daraus in moderner Aufbereitungsanlage Speisesalz produziert.
Auf der Asse wurde, schon 1895 geschürft und im Jahre 1899 der erste Schacht geteuft. Aber der schlimme Feind aller Kalischächte, das Wasser, drang 1906 in den Schacht ein, und damit war die Förderung erledigt. In den Jahren 1906 bis 1908 wurde sodann Schacht II niedergebracht, dem 1923 der Schacht III mit einer Teufe von 750 Meter folgte. Bei dem Abbau unter Tage traf man dann auf ungeheure Lager erstklassigen Steinsalzes, und die Förderung wurde nun ganz auf die Gewinnung dieses edlen Minerals umgestellt.
Das im Bergbau geförderte Speisesalz hat allen anderen Gewinnungsarten gegenüber den großen Vorzug, daß der Bergmann an Ort und Stelle die Qualität des Rohstoffes beurteilen kann und so in der Lage ist, nur das beste Material zur weiteren Verarbeitung zu bringen. Dem Besucher eines solchen Salzbergwerkes bietet sich ein wunderschönes Bild. Überall blitzen und blinken die Wände, Boden und Decken der Firste im reinsten Weiß und reflektieren tausendfältig das Licht der elektrischen Lampen. Es gibt dort unten Hallen von fast 100 Meter Länge und einer Breite von 25 Meter und einer Höhe von 20 Meter. Das sind dann märchenhafte Kuppelbaue aus dem weißen, schimmernden Material.
Das vor Ort gewonnene Steinsalz wird auf langen Transportanlagen, den Schüttelrutschen, zu den Förderbahnen gebracht und durch den Schacht in die über Tage gelegenen Aufbereitungsanlagen geschafft. In diesen Anlagen passiert das Fördergut zunächst die Zerkleinerungsmaschinen, wird sodann in verschiedenen Mahlstühlen gemahlen und kommt zur weiteren Behandlung über Planfilter in Spezialmaschinen. Etwa 50 unterschiedliche Körnungen werden bei dem Prozeß hergestellt.

Vom Augenblick der Vermahlung an kommt das Speisesalz nicht mehr in Berührung mit menschlichen Händen. Überall wird die Menschenhand durch Maschinen ersetzt. Die Maschinen sortieren das Salz und wiegen es ab, damit es bei den automatischen Paketiermaschinen sogleich in die vorbereiteten Umhüllungsbeutel gelangt. Die Konzentrierung der Betriebe geht im Salzbergwerk Asse sogar so weit, daß die Kartons für die Pakete nicht nur gefaltet, sondern daß auch in eigenen Druckanlagen mit zwei schnellaufenden Offsetmaschinen die Hüllen oder - wie es fachmännisch heißt - „Kleider" bedruckt werden.

Unser Werk Asse hat für die gesamte Industrie eine große Bedeutung, denn der größte Teil des geförderten Salzes wird von ihr gebraucht. Das sind zum Beispiel die Wasserenthärtung, Häutebearbeitung, die gesamte chemische Industrie, die Heringsfischerei und Lachsverarbeitung. Das Salz wird gebraucht in der Speiseeisbereitung, Seifenfabrikation und Viehfütterung. Es wird gebraucht als Streusalz im Winter, Hilfsmittel zur Bekämpfung des Kohlenstaubes und der Silikose. Nicht zu vergessen, daß das Salz von unseren Hausfrauen, den Bäckern und Fleischern benötigt wird; unsere Margarinefabriken und Molkereien sind darauf angewiesen, und so ist es verständlich, daß unser Assesalz seinen Weg in die ganze Welt nimmt, den Weg nach Indien, Kanada, Brasilien, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Holland, Jugoslawien, Afrika.

Der einsame Wanderer auf der Heerstraße von Braunschweig nach Leipzig wird kaum ahnen,
daß dort oben im stillen Assewald Männer Arbeiten verrichten, die eine solche Bedeutung haben.“

Auszug aus dem Beitrag von Hermann Wrede: Von Asse, Asseburg und Asseverein

Die Asse macht radioaktive Rückstände unschädlich

„Die bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie in immer größerem Umfang anfallenden radioaktiven Rückstände verlangen eine sichere und säkulare Beseitigung. Internationale Versuche lassen die Einlagerung in Salzgesteinen als die beste erscheinen, weil Salz bei ausreichendem Gebirgsdruck plastisch ist, Klüfte sich selbst schließen, Salz vollkommen dicht und undurchlässig für Wasser und Gase ist und eine relativ hohe Wärmeleitfähigkeit besitzt.

Unter mehreren hundert Metern Bundsandsteinschichten liegt unter der Asse ein mächtiger Salzstock, der aus Schichten des Zechsteins aufgebaut ist. Der Salzschacht II, der von der bundeseigenen Gesellschaft für Strahlenforschung in enger Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Kernforschung, der Bundesanstalt für Bodenforschung und der Technischen Universität in Clausthal für die Einlagerung vorgesehen ist, wurde 1906 geteuft und bis 1966 betrieben. Es wurden Kali- und Steinsalze in einer Menge von ca. 3,5 Millionen cbm abgebaut und dabei über hundert Abbaukammern freigelegt. Jede Kammer ist 30 000 bis 35 000 cbm groß und 12 bis 15 m hoch.

In eingehenden Referaten und durch Einfahrten in die Schachtanlage wurde unsere Bevölkerung über die Einlagerung, die berechtigte Sorgen bereitete, ständig unterrichtet. Es wurde um Verständnis geworben und Verständnis erzielt, weil die Betriebsleitung sowie die Gesellschaft für Strahlenforschung die Einlagerung unter das Motto stellten: Absolute Sicherheit zuerst!

Der Heimat- und Verkehrsverein Asse e. V. führt seine umfangreichen Arbeiten in enger Verbindung mit den am Umwelt- und Naturschutz beteiligten Behörden, Körperschaften und Vereinigungen durch, er hofft auf eine breite Unterstützung; Landschaftsschützer sind heute keine belächelnswerten Leute mehr, die für Blümchen und Vögelein mit Schmetterlingsnetzen auf die Barrikaden gehen.

Landschaftsschutz muß sein, sonst wird die Zerstörung unserer Umwelt immer weiter gehen und wir würden eines Tages verzweifelt nach einem Stück Landschaft suchen, in dem wir noch leben können.“


Die Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe im Salzbergwerk Asse II

„Bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie fallen radioaktive Abfallstoffe aller Kategorien an, die sicher gelagert werden müssen. Unter Berücksichtigung des Sicherheitsaspektes sowie auch der Wirtschaftlichkeit ist von den verschiedenen Möglichkeiten der Endlagerung diejenige in Salzformationen des tiefen geologischen Untergrundes als die sicherste anzusehen. Dieses gilt besonders für die Länder Westeuropas mit ihrer hohen Bevölkerungsdichte und ihrem regenreichen Klima. Salzformationen in Form von Diapiren (1) garantieren einen absolut sicheren hydrologischen Abschluß, so daß möglicherweise frei werdende Aktivitäten in gar keinem Fall in den Biozyklus gelangen können. Große Hohlräume von mehreren 10.000 m3 Inhalt lassen sich bei wirtschaftlich vertretbaren Kosten herstellen und stehen gleichzeitig ohne Verwendung jeglichen Ausbaus über lange Zeit völlig offen. Die relativ gute Wärmeleitfähigkeit von Steinsalz ist von besonderer Bedeutung bei der Endlagerung hochradioaktiver, wärmeentwickelnder Abfallstoffe.

Unter Berücksichtigung all dieser Gegebenheiten erwarb der Bund im Jahre 1965 das stillgelegte Salzbergwerk Asse II, das etwa 10 km südöstlich von Wolfenbüttel liegt, und übertrug die Nutzung desselben der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, deren einziger Gesellschafter der Bund ist, um im Rahmen eines umfangreichen Forschungs- und Technischen Entwicklungsprogramms die Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe zu erproben und durchzuführen.

(1) Diapire sind propfenförmige Gesteinskörper.

Geologische und Grubensituation
Die Asse ist ein Höhenzug von ca. 8 km Länge, der im nördlichen Harzvorland gelegen ist. Er besteht aus einem asymmetrischen Sattel der Triasformation. Unter mehreren hundert Meter mächtigen Deckgebirgsschichten, die aus Buntsandstein und Muschelkalk bestehen, liegt der eigentliche Salzstock, der sich aus Schichten der deutschen Zechsteinserie der Permformation zusammensetzt.

Im Salzbergwerk Asse II ging von 1916-1964 die Gewinnung und Förderung von Steinsalz um. Hierdurch entstanden über 100 Abbaukammern im Älteren und Jüngeren Steinsalz im Bereich von 15 Sohlen zwischen 490 und 800 m Tiefe. All diese Abbaukammern repräsentieren ein Hohlraumvolumen von rd. 5,5 Mio m3.

Niedrigaktive Abfallstoffe
Parallel mit umfangreichen Instandsetzungsarbeiten unter- und übertage wurden von April 1967 bis März 1971 in zwei Einlagerungskammern auf der 750-m-Sohle mehr als 2000 m3 niedrigradioaktiver Abfallstoffe versuchsweise eingelagert. Die Abfälle müssen in fester Form in 200-l-Fässem verpackt angeliefert werden. Flüssige Abfälle, wie z.B. Verdampferkonzentrate oder auch Fällschlämme, sind an Beton oder Bitumen zu fixieren. Über 80 % der Abfallstoffe wurden aus den Forschungszentren der Bundesrepublik angeliefert. Die erforderliche Überwachung des Einlagerungspersonals im Rahmen der Strahlenschutzmaßnahmen wies günstigste Werte bei der Dosisbelastung auf. Personen- und auch Gerätekontaminationen erfolgten äußerst selten. Aufgrund dieser Gegebenheiten konnte im Sommer 1971 mit der Langzeiteinlagerung niedrigradioaktiver Abfallstoffe begonnen werden. Während eines Zeitraumes von gut vier Jahren wurden mehr als 8000 m3 niedrigradioaktiver Abfallstoffe in 200- und 400-l-Fässern sowie in Normal- bzw. Barytbetonabschirmungen angeliefert.

Mittelradioaktive Abfallstoffe
Parallel mit den vorgenannten Arbeiten wurden auf der 490/511-m-Sohle die bergmännischen sowie auch technischen Montagearbeiten für die versuchsweise Einlagerung mittelradioaktiver Abfallstoffe abgeschlossen. Von September 1972 bis zum heutigen Zeitpunkt konnten mehr als 550 Fässer dieser Abfallkategorie in die dafür vorgesehene Kammer eingelagert werden. Diese Abfälle sind in 200-l-Spezialrollreifenfässern verpackt und werden wegen ihrer hohen Aktivität von mehr als 1000 Ci/m3 in Einzel- und seit September 1975 auch in Sammelabschirmbehältem von 6 bzw. 25 t Gewicht, vom Kernforschungszentrum in Karlsruhe kommend, zur Asse transportiert.

Der Schachttransport zur 490-m-Sohle erfolgt ausschließlich mittels Einzelabschirmbehältern. Im Füllort der 490-m-Sohle hebt ein Entlade- und Beschickkran den Abschirmbehälter vom Korb der Förderanlage ab und setzt ihn auf ein Spezialtransportfahrzeug. Letzteres befördert den Einzelabschirmbehälter zur Beschickkammer. In dieser Beschickkammer wird mittels eines l0-t-Krans der Abschirmbehälter vom Fahrzeug auf dem Strahlenschutzschieber des Transportbohrloches abgesetzt. Nach dem öffnen der Strahlenschutzschieber des Bohrloches sowie des Abschirmbehälters erfolgt mittels eines 1-t-Krans das Ablassen des 200-l-Abfallfasses aus dem Abschirmbehälter heraus durch das Transportbohrloch in die darunter liegende, hermetisch abgeschlossene Einlagerungskammer.

Weitere Vorhaben
Anwendung der Kavernentechnik
In enger Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Kernforschung wurde in mehrjähriger Planungsarbeit die Kavernentechnik für die Endlagerung mittelradioaktiver Abfallstoffe entwickelt. Diese Technik gestattet es, daß die Abfallfässer ohne jegliche Abschirmung in einem Transportgefäß der Förderanlage von übertage durch einen Bohrschacht von rd. 950 m Tiefe in eine Kaverne, deren Volumen rd. 10 000 m3 beträgt und in Form eines Rotationsellipsoides ausgebildet ist, abgelassen werden. Mit dem Bau dieser „Prototyp-Kavernenanlage“ – ein Forschungsprojekt mit EURATOM – ist im August 1974 begonnen worden. Die Inbetriebnahme derselben ist für 1977 vorgesehen.

Die Endlagerung hochradioaktiver, wärmeentwickelnder Abfallstoffe befindet sich noch in der ersten Planungsphase. Die bergmännischen Vorrichtungsarbeiten, d.h. die Herstellung der Strecken und Einlagerungskammern im Sattelkern auf der 775-m-Sohle, sind bereits angelaufen. Die Planung sieht vor, daß Ende der 70er Jahre mit der versuchsweisen Einlagerung hochradioaktiver Gläser begonnen werden kann.

Um den Antransport der bisher per LKW der Bundesbahn antransportierten Abfälle vom Abfallproduzenten zum Endlager Asse noch sicherer zu gestalten, wird ein Gleisanschluß zur Schachtanlage Asse II hergestellt. Mit dem Bau der Bahnanlage ist im August 1974 begonnen worden.

Ausblick
Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung ist davon überzeugt, daß sie mit diesem Forschungs- und technischen Entwicklungsprogramm einen guten Beitrag zur sicheren Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe aller Kathegorien geleistet hat bzw. noch leistet.“


Aus der Arbeit des Kreistages

„Zum heißen Eisen gedieh den Kreistagsabgeordneten 1977 unversehens die Atommüllagerung in der Asse. 1964 hatte der Kreistag sich dagegen ausgesprochen, daß das stillgelegte Salzbergwerk, Schacht Asse II bei Remlingen, als Versuchslagerstätte für radioaktive Abfälle einer neuen Nutzung zugeführt würde. Gegen den Willen des Kreistages ging die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung in München 1967 daran, ihre Forschungsvorhaben in der Asse durchzuführen. Diese Vorhaben sahen im einzelnen Programme zur Einlagerung schwachradioaktiver Abfälle, mittelradioaktiver Abfälle einschließlich des Einzelvorhabens der Einlagerung von Brennelementkugeln aus dem Versuchskernkraftwerk der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor AVR in Jülich und Vorversuche für spätere zeitlich befristete Versuche zur Einlagerung hochradioaktiver wärmeentwickelnder Abfälle, die im Gegensatz zu den ersten beiden Kathegorien jedoch rückholbar gelagert werden sollten, vor.

Alle diese Programme sollten begleitet werden durch hydrologische, geologische, kern- und sicherheitstechnische Arbeiten, die zum Ziele haben, diese Vorhaben zu erforschen und großtechnisch in jahrelangen Versuchen zu erproben. Die Einlagerung der Brennelementkugeln aus Jülich war bereits im März 1976 genehmigt worden. Sie sollte eigentlich im Frühsommer 1977 erfolgen. Inzwischen war die Kernenergiediskussion weltweit in Gang gekommen. Kernkraftgegner, die in Brockdorf dabei waren, machten jetzt Front auch gegen die Asse. „Kein Atommüll in die Asse und auch nicht anderswohin" hieß ihre Forderung. So einfach konnte es sich der Kreistag, der das Thema zusammen mit dem Samtgemeinderat der Samtgemeinde Asse aufnahm, nicht machen.

Am 30. März 1977 führten Samtgemeinderatsherren und Kreistagsabgeordnete mit Vertretern ihrer Verwaltungen ein mehr als vierstündiges Gespräch mit Vertretern der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt PTB in Braunschweig, Vertretern der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, Vertretern der Gesellschaft für Kernforschung mbH Karlsruhe, Vertretern des Bergamtes Goslar sowie Vertretern der Kernforschungsanlage Jülich im Sitzungssaal des Landkreises. Dieses Gespräch führte dazu, daß Samtgemeinderat und Kreistag sich zu einer gemeinsamen öffentlichen Erörterung der beabsichtigten Einlagerung der kugelförmigen, carbidischen Brennelemente aus Jülich veranlaßt sahen, um schließlich auch eine Stellungnahme abzugeben.

Diese Sitzung fand am 19. April 1977 in der Pausenhalle der Grund- und in Remlingen statt. Die Zuhörerreihen waren gut besetzt. Die Sitzung begann kurz vor 19.30 Uhr und endete kurz vor Mitternacht. Geplant war, daß die Abgeordneten und die Zuhörer Gelegenheit zu Fragen an die erschienenen Vertreter der genannten Einrichtungen erhielten. Sodann wollten Samtgemeinderat und Kreistag eine gemeinsam vorbereitete Erklärung beraten und verabschieden. Fast zwei Stunden diskutierten Abgeordnete und Sachverständige. Fast eineinhalb Stunden hatten dann noch die Zuhörer das Wort, dann verabschiedeten Rat und Kreistag ihre Erklärung, nachdem die Fraktionsvorsitzenden dazu ihren Standpunkt erläutert hatten. Gefordert wurde schließlich eine Vereinbarung zwischen Landkreis und Samtgemeinde auf der einen und der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung auf der anderen Seite, die es den gewählten Vertretungen zukünftig möglich machen sollte, jederzeit einen Überblick über die Vorgänge in der Asse zu gewinnen. Die Abgeordneten kündigten an, daß sie sich in der Zeit bis zum Abschluß dieser Vereinbarung noch intensiv um zusätzliche Informationen über die AVR-Brennelemente verschaffen wollten. So wurde die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig besucht, wo ein Reaktor zu besichtigen war. Außerdem wurde eine Besichtigungsfahrt zur Forschungsanlage in Jülich durchgeführt, um am Ort der augenblicklichen Zwischenlagerung der Brennelemente des dort befindlichen Versuchsreaktors weitere Gespräche zu führen.

Kompromißlos wurde die Einlagerung schließlich nur von der Kreistagsfraktion der F.D.P. abgelehnt. Der Abgeordnete Reinhold Stoevesandt strengte außerdem ein Verwaltungsgerichtsverfahren gegen die Einlagerung an. Aufgrund der sehr schwierigen Erörterungen kam es im Jahre 1977 nicht mehr zur Einlagerung.“

2009, Rückkehr in die Vergangenheit der beschönigenden Begriffe

Im gerade erschienenen Heimatbuch 2009 des Landkreises Wolfenbüttel äußert sich Landrat Röhmann (SPD) auch zu Asse II: „In den Dörfern rund um die Asse sind die Menschen in diesem Jahr noch enger zusammengerückt. In der besorgniserregenden Entwicklung zur geplanten Schließung des „Forschungsbergwerks“ Asse II haben wir erlebt, dass lokale Bündnisse und ein entschlossenes gemeinsames Handeln auf kommunaler Ebene auch in der Landes- und Bundespolitik viel bewegen kann. Das ist – trotz noch offenen Fragen – ein gutes Zeichen.“

Ist es auch ein gutes Zeichen, wenn es dem Landrat opportun erscheint, den Begriff „Atommüll“ gar nicht erst zu erwähnen und das von einer möglichen Katastrophe gefährdete und illegal errichtete Endlager für Atommüll als „Forschungsbergwerk“ zu bezeichnen? Das ist die Sprache der Beschönigung, die 30 Jahre lang – von Kommunalpolitikern toleriert – letztlich zur beängstigenden aktuellen Situation geführt hat.

In einem Jahresrückblick (Seite 201) wird Asse II erneut erwähnt und wieder als „Forschungsbergwerk“ bezeichnet:

„04. September 2008
Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan gibt den Betreiberwechsel für das „Forschungsbergwerk“ Asse II bekannt. Nachfolger für das Helmholtz-Zentrum wird das Bundesamt für Strahlenschutz.“
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